Als Veranstaltungsmeister gibt einem der Verlauf der heutigen Loveparade in Duisburg doch reichlich zu denken. Zum einen fragt man sich wie es passieren konnte, dass derzeit 15 vermutlich sehr junge Menschen ihr Leben lassen mussten. Auf der anderen Seite ist man auch dankbar für die Tatsache, bei dieser Veranstaltung nicht tätig gewesen zu sein.
Zwangsläufig hat man eine andere Perspektive auf die Geschehnisse, als viele Berichterstatter die aktuell in den Medien publizieren. Die Meldungen und Bilder, ob Online oder im TV, vermitteln ein wenig den Eindruck als hätten sich in Duisburg mal eben ein paar hunderttausend Menschen spontan zu einer Party versammelt.
Die Realität ist aber deutlich seriöser. Es gibt in der Bundesrepublik eine Versammlungsstättenverordnung. Jede Veranstaltung dieser Größenordnung muss nicht nur angemeldet werden, sondern bedarf darüber hinaus einiger behördlicher Genehmigungen.
In der Praxis erfolgen eine oder mehrere Ortsbesichtigungen, und man erarbeitet zunächst eine Gefährdungsanalyse sowie ein Sicherheitskonzept, welches ebenfalls bei den Behörden eingereicht wird. Dieses beinhaltet, abhängig von der Anzahl der zu erwartenden Gäste (in der Regel zwei Besucher je m² Grundfläche, abzüglich aller für Besucher nicht zugänglichen Flächen), die entsprechend benötigte Anzahl an Sicherheitskräften.
Weiterhin werden alle erforderlichen Flucht- und Rettungswege definiert und beschildert.Vor der Veranstaltung werden sämtliche sicherheitstechnischen Einrichtungen noch einmal mit den Ordnern, Sanitätern, Feuerwehr, Polizei besichtigt und gemeinsam mit dem oder den Veranstaltungsmeistern begangen. Somit haben alle an der Veranstaltung mitwirkenden Personen nicht nur genaue Ortskenntnis, sondern sind auch informiert wie im Falle eines Falles zu handeln ist.
Während der Veranstaltung tragen alle Menschen in Schlüsselpositionen ein Funkgerät mit Kopfhörer und Mikrofon. In der Praxis kommuniziert der Veranstaltungsmeister direkt über separate Funkkanäle mit den Ordnungskräften, den Sanitätern, der Feuerwehr und eventuell der Polizei. Diese haben untereinander nochmal ein eigenes Funksystem um schnell in ihrem individuellen Zuständigkeitsbereich zu reagieren, sollte etwas nicht so laufen wie geplant.
Kurz: Es dürfte eigentlich nichts passieren. Dennoch hat der heutige Tag ein anderes, besonders trauriges Ergebnis gebracht. Was oder wer hier nun versagt hat wird nun in den nächsten Tagen ermittelt. Auch wenn man mit Vermutungen vorsichtig sein sollte, kann man wohl davon ausgehen, dass keine einzelne Person die Schuld trägt. Hier müssen gleich mehrere Sicherheitsmaßnahmen versagt haben, anders ist ein solches Ausmaß an Toten und Verletzten kaum zu erklären.
Persönlich meide ich seit vielen Jahren große Ansammlungen von Menschen. Wenn mich Kollegen mal zu einem Konzert oder Festival einladen, besuche ich dieses ausschließlich nur, wenn die richtigen Ausweise bereit liegen. Also FOH, VIP, Backstage oder sonstige Bereiche in denen man vor dynamischen Menschenmassen geschützt ist.
Nicht das ich ein bequemer Schnösel wäre, nein diese Einstellung beruht auf einer persönlichen Erfahrung mit vielen Menschen, die plötzlich und unerwartet in Bewegung geraten. Damals im Jahr 1992, ich war noch klein und ahnungslos, hatte ich Dimmerwache auf der Bühne des Bizzare-Festivals in Aachen-Alsdorf. Künstler waren neben anderen die Ramones und die Pogues, also etwas weniger harmonische Klangfolgen als zum Beispiel bei Simply Red.
Bei einer dieser Bands konnte ein Musiker plötzlich nicht mehr sein Instrument spielen, womit eine gewisse Unruhe im Publikum entstand. Kurz danach riefen die Ordner im Bühnengraben um Hilfe. Wir Techniker auf der Bühne und Wolfgang Niedecken, der als Gast das Festival sehen wollte, registrierten das die kräftigen Herren zwischen der Bühnenkante und den Drängelgittern eingeklemmt waren. Zu unserem eigenen erstaunen waren hier durch das Publikum Kräfte entstanden, die wir bis zu diesem Tage nicht für möglich gehalten hatten.
Nur mit dem Einsatz von groben Hebelwerkzeugen gelang es uns die Herren zu befreien. Danach versuchten wir mit vier Personen eine vor dem Drängelgitter eingeklemmte junge Frau auf die Bühne zu ziehen. Dies gelang uns aber erst, als jemand zum Mikrofon griff, dass Konzert unterbrach und das Publikum aufforderte, sich bitte ein paar Schritte von der Bühne zu entfernen.
Damals ist noch einmal alles gut gegangen, nicht wie heute, wo man jetzt schon 18 Tote zählt. Was die Tragödie nun genau versucht hat, wird sicherlich heiß diskutiert und in den folgenden Tagen geklärt werden. An nicht ausreichenden Vorschriften hat es vermutlich nicht gelegen.
Das einzige was vermutlich wenig zur Aufklärung der Ereignisse beitragen kann, sind die nun anreisenden Politiker, die Ihr Bedauern zu den Vorfällen vor Ort demonstrieren müssen.
